Gewinnen um jeden Preis

knight on horse going in battle - vukkostic, adobestock
Am letzten Wochenende hätte ich wirklich platzen können. Vor Wut. Mein Sohn nutzte seine Übermacht dermaßen aus, dass ich am liebsten alle Figuren vom Tisch gewischt hätte. Das Erfreuliche: daraus entstanden die "Goldnen Regeln für ein gutes Spiel".
Aber noch einmal von Anfang an. Ganz konkret wollten wir eine schöne Runde Imperial Assault spielen. Die Einstiegsmission der "Rückkehr nach Hoth"-Erweiterung. Ich hatte meinem Sohn die Rolle des Imperiums überlassen, weil er taktisch klug spielt, während wir als Rebellen unser Vorgehen besprechen und abwägen können.

Allerdings eskalierte die Situation, als er all seine Feuerkraft auf den Rebellenhelden meines jüngeren Sohnes konzentrierte.

Das Imperium ist böse



"Jetzt lass mal gut sein." sagte ich in der Hoffnung, dass er noch die Kurve kriegt. Er machte aber beharrlich weiter, bis sein Bruder wutheulend das Spiel verließ. Das Spiel, die Stimmung war hin und ich war frustriert. Meine Appelle, er hätte als Imperium – als Spielleiter gewissermaßen – auch eine Verantwortung, das Spiel zu einem angenehmen Erlebnis für ALLE zu machen, stießen auf taube Ohren.

"Aber das Imperium ist böse! Dann muss ich es auch so spielen." war seine Rechtfertigung. Das stimmt natürlich irgendwie, aber dennoch war der Spielenachmittag, auf den wir uns doch alle gefreut hatten, kaputt.

Und hinterließ mich grübelnd. Ganz abgesehen von meiner Rolle als Vater und dem emotional empfindlichen Familiengeflecht: Ich erinnerte mich an andere Gelegenheiten ausserhalb der Familie, die mir den Spaß am Spiel total verdorben hatten. War meine Auffassung vom Spielen falsch? Spielt man eigentlich um zu gewinnen? Bin ich einfach ein Weichei, der seinen Mitspieler lieber Zugeständnisse macht - und diese auch für sich selbst erwartet? Für den Spielspaß?

Play to win



Sicherlich kennt ihn jeder: Der Spieler, der das Spiel zu ernst nimmt. Ein Regelfuchs, der darauf wartet, dass man in die Falle tappt. Der mit erhobenem Zeigefinger belehrt, zurechtweist und gerne ("So steht's in den Regeln!") Strafen verhängt.

Ich denke da konkret an Kandidaten aus meiner ehemaligen Blood Bowl Liga, die auch mit der "Korrektheit" keinen Halt vor Anfängern oder jungen Spielern machen. Da wird die Unbedarftheit des Anderen zum eigenen Sieg ausgenutzt. Und bei "Freundschaftsspielen" die besten Starspieler absichtlich gefault, verletzt oder sogar ins Jenseits befördert.

Hey, das ist doch das Spiel!



Das ist dann der Spruch, den man am liebsten hört, wenn das Gegenüber merkt, dass er wohl zu weit gegangen ist. Und natürlich tätowiere ich mir an meinem rechten Schläfenlappen, dass ich gegen diesen Typen sicher kein Freundschaftsspiel mehr spielen werde. Und reguläre Spiele auch nur ungern. Wen wundert es da, wenn dann Ligen auseinander brechen?

Die goldenen Regeln für ein besseres Zusammenspiel



Meine Sorgen teilte ich in der WhatsApp-Gruppe unseres Fantasyladens. Ich war eigentlich nicht überrascht, dass die meisten von ähnlichen Vorfällen zu berichten wussten.

Ganz klar schien aber zu sein: Man spielt um zu gewinnen. Natürlich. Aber das WIE ist entscheidend. Dabei kamen gute Vorschläge, wie man für ein besseres Spielerlebnis sorgen kann. Ich habe mal versucht, die Essenz daraus in Worte zu fassen.

Hier die also die drei goldenen Regeln für ein besseres Spiel:

1. Einige Dich vorher mit Deinem Gegner darauf, wie gespielt werden soll

Worin besteht Dein Spielspaß? Soll mit harten Bandagen gekämpft werden? Willst Du Deine Truppe auf Herz und Nieren austesten? Oder geht es Dir um ein entspannten Abend und das Abtauchen in eine Geschichte?
Mach klar, was Dir wichtig ist – und worauf Du überhaupt keinen Bock hast. Achte darauf, was Deinem Gegner(n) wichtig ist.

2. Zeige Respekt

Entschuldige Dich für üble Verluste, die Du Deinem Gegner zufügst – und versuche das "Muhahaha" danach nicht zu laut ertönen zu lassen ­čśŐ
Nein - ernsthaft. Zeige Deinem Gegner, dass Du ihn als Mitspieler bedauerst, auch wenn Du die Spielwendung begrüßt. Das behält den Frust auf Spielebene und hebt ihn nicht auf die Persönliche.

3. Wäge ab, ob es dem Spielspaß dient

Manchmal bekommt man Gelegenheit, dem Gegner einen empfindlichen Schlag beizubringen. Dann sollte man zwischen Regel 1 und 2 abwägen. Ist das jetzt konform mit dem, worauf wir uns vor dem Spiel geeinigt haben? Wäre es dem Spielspaß zuträglich, wenn ich auf diese Gelegenheit verzichte? Und falls sie doch zu verlockend ist, sage: "Ich bedaure es wirklich sehr, aber diese Gelegenheit ist einfach zu verlockend." und führe Deinen Schlag aus.

Ich fürchte mein Sohn wird "Ich bedaure es wirklich sehr …" in sein Standard-Repertoire übernehmen und sich darauf berufen, dass "die Gelegenheit einfach zu verlockend war". Aber da muss ich wohl noch an seiner Ethik schrauben.

Ich fände es superspannend Eure Erlebnisse, Ansichten und Ergänzungen dazu zu hören. Schreibt mir eine E-Mail - ich poste das dann hier.